Wir werden, wie wir gesehen werden. Die Macht der inneren Bilder.

Vater und Sohn haben Stirn und Nase aneinandergelehnt und schauen sich tief in die Augen

Was siehst du, wenn du an dein Kind denkst?

Hast du ein bestimmtes Bild im Kopf? Das sensible Kind. Der Wirbelwind. Die Träumerin. Der Dickkopf. Die Kleine, die immer hilft. Der Junge, der nie zuhört.

Wir alle tragen solche Überzeugungen in uns über unsere Mitmenschen und uns selbst. Sie helfen uns, die Welt zu ordnen. Gleichzeitig bergen sie die Gefahr, dass wir unser Kind irgendwann weniger so sehen, wie es gerade ist, sondern vielmehr so, wie wir glauben, dass es ist.

Dieses Bild aber, das du innerlich von deinem Kind hast, prägt massgeblich das Bild, das dein Kind von sich selbst entwickelt.

Kinder sehen sich am Anfang ihres Lebens nicht mit ihren eigenen Augen, sondern durch unsere. Durch unsere Worte, unsere Blicke, unsere Reaktionen, unsere Geduld oder Ungeduld. Durch das, was wir aussprechen, aber auch sehr stark durch das, was wir unausgesprochen vermitteln.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul brachte es auf den Punkt:

„Wir werden, wie wir gesehen werden. “

Wenn wir uns der Tragweite dessen bewusst werden, lohnt es sich sehr, das Bild, das wir uns von unserem Kind gemacht haben, immer wieder zu hinterfragen. Denn die inneren Bilder, die wir von unseren Kindern tragen, beeinflussen jeden Tag, wie wir ihnen begegnen. Sie wirken in unseren Erwartungen, in unserer Haltung und in den vielen kleinen Momenten des Familienalltags.

Wenn du tief in dir glaubst, dein Kind sei zu anstrengend, zu laut, zu emotional, zu faul, zu ehrgeizig, nicht klug genug, nicht talentiert genug, zu sensibel, zu egoistisch, zu wenig mädchen- oder jungenhaft oder nicht schön genug, dann wird dein Kind genau das spüren. Nicht nur durch direkte Worte, sondern durch deine Tonlage, deine Mimik und deine Reaktionen im Alltag.

Kinder nehmen nicht nur wahr, was wir sagen. Sie nehmen vor allem wahr, welche Haltung wir ihnen gegenüber einnehmen. Ob wir ihnen mit Vertrauen, Wertschätzung und Neugier begegnen oder mit Sorge, Kritik und Bewertung.

Wir sind immer eingebunden in ein soziales Netzwerk und so entstehen unsere inneren Bilder nie im luftleeren Raum. Sie werden massgeblich durch unser Umfeld geformt. Die Menschen, die uns umgeben, und die Bilder, die sie von uns haben, hinterlassen Spuren in unserem eigenen Selbstbild. Besonders prägend sind dabei die Menschen, die für uns bedeutsam sind: Unsere Eltern, Bezugspersonen, Lehrpersonen oder später auch Partnerinnen und Partner.

Aus der Summe der Bilder unserer Bezugspersonen entsteht unsere innere Stimme.

Die Stimme, die bleibt

Die Art, wie wir mit einem Kind sprechen – verbal und nonverbal – wird irgendwann zu der Art, wie dieses Kind später mit sich selbst spricht.

Ob diese Stimme streng oder liebevoll ist. Ob sie antreibt oder klein macht. Ob sie sagt: „Ich darf sein, wie ich bin“ oder „Ich muss erst etwas leisten, um wertvoll zu sein.“

Viele Erwachsene tragen heute noch Sätze in sich, die nie wirklich ihre eigenen waren. Bewertungen, die sie früh übernommen haben. Vorstellungen darüber, was „gut“ und „schlecht“, „richtig“ und „falsch“, „liebenswert“ oder „zu viel“ ist.

Denn die Eigenschaften an sich sind selten das Problem. Es ist ok emotional, feinfühlig oder lebendig zu sein. Schwierig wird es erst dann, wenn Eigenschaften bewertet werden und Kinder spüren, dass sie so wie sie sind, nicht richtig sind.

Die Macht unserer inneren Bilder

Jeder Mensch trägt innere Bilder in sich, von sich selbst, von anderen und natürlich auch von den eigenen Kindern.

Aus neurobiologischer Sicht sind innere Bilder weit mehr als blosse Gedanken. Sie bestehen aus neuronalen Netzwerken, die wir im Laufe unseres Lebens aufgebaut haben. In ihnen sind unsere Erfahrungen, Überzeugungen, Erwartungen und Werte gespeichert. Sie enthalten Vorstellungen darüber, wie die Welt funktioniert, wer wir selbst sind und wie andere Menschen sind. Auch unser Human Design prägt die Art und Weise mit welcher Perspektive wir nach «draussen» schauen.

Oft bemerken wir gar nicht, wie stark diese Bilder unser Verhalten beeinflussen. Sie wirken wie eine Brille, durch die wir uns selbst, unsere Umwelt und damit auch unser Kind betrachten.

Diese inneren Bilder beeinflussen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, was wir wahrnehmen und wie wir Situationen interpretieren. Sie prägen unsere Erwartungen, oft, ohne dass wir es bewusst merken.

Wie stark solche Erwartungen wirken können, zeigen unter anderem die bekannten Untersuchungen von Robert Rosenthal und Lenore Jacobson. In ihren Forschungen zum sogenannten Pygmalion-Effekt konnten sie nachweisen, dass die Erwartungen von Lehrpersonen einen messbaren Einfluss auf die Entwicklung und die Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler haben können. Die Schlussfolgerung: Kinder entwickeln sich oft nicht nur aufgrund ihrer Fähigkeiten, sondern auch aufgrund der Bilder, die wichtige Erwachsene von ihnen haben.

Sehen wir beispielsweise immer wieder das „wilde“, „schwierige“ oder „unruhige“ Kind, die Zicke, den Rabauken oder die Heulsuse dann werden wir genau diese Seiten besonders wahrnehmen und dem Kind spiegeln. Andere Qualitäten geraten in den Hintergrund und werden weniger stark beachtet, obwohl sie genauso zu diesem Kind gehören.

Innere Bilder sind deshalb nie neutral. Sie beeinflussen, was wir sehen, worauf wir reagieren, welches Potential wir ausleben und welche Botschaften wir unserem Kind vermitteln.

Die entscheidende Frage lautet also nicht:

Hat mein Kind diese Eigenschaft? Sondern vielmehr: Welches Bild verbinde ich mit dieser Eigenschaft?

Was hat das mit uns selbst zu tun?

Deshalb lohnt es sich, nicht nur darauf zu achten, wie wir mit unseren Kindern sprechen, sondern auch darauf, wie wir mit uns selbst sprechen. Denn oft geben wir unbewusst genau das weiter, was wir selbst einmal gelernt haben, wenn auch vielleicht in leicht veränderter Form. Die Härte. Die ständige Bewertung. Den Druck, bestimmten Bildern entsprechen zu müssen.

Viele der Eigenschaften, die wir uns selbst zuschreiben, tragen ein inneres Urteil in sich.

Wir denken dann nicht: „Ich bin sensibel.“ Oder: „Ich brauche regelmässig Ruhe.“ Sondern wir belegen es mit einer Bewertung wie: „Ich bin zu sensibel.“ Oder: „Ich bin zu wenig leistungsfähig.“

Diese Bewertungen entstehen dort, wo wir als Kinder gespürt haben, welche Seiten von uns willkommen waren und welche nicht. Dabei haben diese Bilder oft mehr mit den Projektionen und Vorstellungen anderer Menschen zu tun als mit unserem tatsächlichen Wesen.

Wenn unsere Kinder dann ähnliche Eigenschaften mitbringen oder Anteile ausleben, die wir uns selbst versagen, kann das stark triggern. Oft sind es nicht die Eigenschaften unserer Kinder, die uns herausfordern. Es sind die eigenen Anteile, die wir in ihnen wiedererkennen. Nicht selten gehen wir dann auch bei unseren Kindern in die Bewertung oder Abwertung.

So beginnt der Kreislauf oft unbemerkt von vorne. Unser Kind wird irgendwann zum Erwachsenen, der sich die Erlaubnis, bestimmte Eigenschaften zu leben, ebenfalls versagt, weil es verinnerlicht hat, dass genau diese Seiten von ihm nicht wirklich willkommen sind


Was wäre, wenn der Kreislauf heute bei dir endet?

Alte Muster müssen nicht an die nächste Generation weitergegeben werden. Wenn du bereit bist, deine inneren Bilder bewusst zu hinterfragen und neue Perspektiven zu entwickeln, begleite ich dich gerne dabei. Buche dir jetzt dein kostenloses und unverbindliches Erstgespräch.


Ein anderer Blick auf uns selbst und unsere Kinder

Genau hier wird für mich Human Design besonders wertvoll. Denn wenn unsere Sicht auf uns selbst und unsere Kinder so stark von inneren Bildern geprägt ist, brauchen wir manchmal einen neuen Blickwinkel, um diese Bilder überhaupt erkennen zu können.

Es geht nicht darum Menschen in neue Kategorien einzuteilen oder zu erklären, wie jemand sein sollte. Stattdessen ermöglicht es einen neuen, neugierigen Blick auf uns selbst und auf unsere Kinder.

Für mich ist es ein Blick, der Raum schafft, die Bilder, die wir bisher verinnerlicht haben, liebevoll zu hinterfragen und neu einzuordnen.

In meiner Arbeit erlebe ich das immer wieder. Eigentlich in jedem einzelnen Coaching. Human Design schenkt vielen Menschen die Erlaubnis, Eigenschaften wieder anzunehmen, die schon immer Teil von ihnen waren. Eigenschaften, die sie eigentlich gerne leben würden, die jedoch im Laufe ihrer Biografie irgendwann abgewertet wurden und die sie daraufhin begonnen haben zu unterdrücken.

Plötzlich wird aus „zu sensibel“ eine besondere Wahrnehmungsfähigkeit. Aus „zu viel“ wird Lebendigkeit. Aus dem, was lange als Schwäche empfunden wurde, darf wieder eine wertvolle Facette der eigenen Persönlichkeit werden.

Human Design lädt dich dazu ein, dich selbst und andere weniger durch die Brille von Defiziten und Bewertungen zu betrachten und stattdessen neugierig zu erforschen, was uns im Kern ausmacht.

Entscheidend ist dabei, auch Human Design Eigenschaften nicht wieder durch die Brille von „gut“ oder „schlecht“ zu betrachten. Nicht sofort neue Schubladen zu öffnen oder energetische Eigenschaften zu bewerten. Sondern offen, neugierig und zugewandt zu bleiben.

Denn jedes Kind und auch jeder Erwachsene bringt seine eigene Art mit, die Welt zu erleben, Beziehungen zu gestalten und sich in ihr auszudrücken.

Das grösste Geschenk, das du deinem Kind machen kannst

Deshalb ist eines der grössten Geschenke, die wir unseren Kindern machen können, neugierig zu bleiben und ihnen nicht ständig das Gefühl zu geben, jemand anderes werden zu müssen, um liebenswert zu sein. Sondern ihnen zu vermitteln: Du bist willkommen. Du bist wertvoll. Du darfst sein, wie du bist. Mit deinen Stärken. Mit deinen Herausforderungen. Mit deiner Einzigartigkeit.

Unsere Kinder sind weit davon entfernt, bereits „fertig“ zu sein. Sie wachsen, verändern sich und entwickeln sich jeden Tag weiter, genau wie wir Erwachsenen.

Eines der grössten Missverständnisse in Beziehungen liegt darin, zu glauben, wir würden den anderen bereits kennen. Denn in dem Moment, in dem wir Menschen auf bestimmte Eigenschaften oder Rollen festlegen, hören wir auf, ihnen wirklich zu begegnen. Stattdessen begegnen wir unserem eigenen Bild von ihnen.

Gerade Kinder brauchen deshalb Erwachsene, die bereit sind, ihre inneren Bilder immer wieder loszulassen und sich von ihnen überraschen zu lassen.

Wenn Kinder sich in diesem Raum angenommen fühlen, entwickeln sie eine innere Stimme, die sie trägt statt antreibt, stärkt statt kritisiert und begleitet statt bewertet.

Es ist genau diese Stimme, die ihr Selbstbild massgeblich mitprägt. Achten wir darauf, dass sie nicht zu einer Stimme wird, die ihr Leben einschränkt und begrenzt, sondern zu einer, die sie ermutigt, sich selbst zu vertrauen und ihren eigenen Weg zu gehen.

Eine kleine Reflexionsaufgabe für dich

Zum Abschluss möchte ich dir eine kleine Aufgabe mitgeben: Nimm dir heute ein paar Minuten Zeit und schreibe ganz ehrlich auf:

  • Welche Bilder habe ich von meinem Kind?

  • Welche Eigenschaften fallen mir als Erstes ein?

  • Welche davon bewerte ich eher positiv?

  • Welche eher negativ?

  • Wo sehe ich mein Kind bereits in einer bestimmten Rolle?

  • Welche dieser Bilder beschreiben wirklich mein Kind und welche erzählen vielleicht mehr über meine eigenen Erfahrungen, Erwartungen oder Ängste?

Beobachte deine Antworten neugierig und ohne Schuldgefühle. Denn Bewusstheit ist immer der erste Schritt zur Veränderung.

Unsere inneren Bilder erschaffen Wirklichkeit. Die Frage ist nur: Welche Wirklichkeit erschaffen die Bilder, die du von deinem Kind und von dir selbst, in dir trägst?

Wenn du neugierig geworden bist und deine eigenen inneren Bilder besser verstehen möchtest, begleite ich dich gerne dabei. In einem unverbindlichen Erstgespräch schauen wir gemeinsam darauf, welche Prägungen deinen Blick auf dich selbst und dein Kind beeinflussen und wie daraus neue Perspektiven entstehen können.

FAQ - Häufig gestellte Fragen

Soulwaves ~ Eva Weiss

Eva Weiss ist diplomierte Erziehungsberaterin IEB® und Human Design Coach in Zürich. Sie unterstützt Eltern dabei, ihre Kinder im Human Design zu verstehen und im Familienalltag bewusster zu begleiten.

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