„Warst du brav?“
Gerade in der Weihnachtszeit fällt er wieder häufiger, dieser scheinbar harmlose Satz:
„Warst du brav?“
Er wird lächelnd ausgesprochen, manchmal augenzwinkernd, manchmal belehrend, manchmal drohend als Erziehungsmassnahme, dass es nur für brave Kinder Geschenke gibt. Dieses Urteil trägt jedoch eine Botschaft in sich, die tiefer geht, als vielen bewusst ist. Denn die Frage danach, ob ein Kind „brav“ war, hat selten wirklich mit dem Kind zu tun, sondern immer mit uns Erwachsenen, mit unseren Regeln und Erwartungen, unseren Prägungen und dem Blick, den wir auf das Kindsein haben und ja auch mit dem Zustand unseres Nervensystems.
Was meinen wir also wirklich, wenn wir fragen ob ein Kind „brav“ war?
Ein braves Kind ist ein funktionierendes Kind, eins das sich an unsere Regeln hält, das uns nicht herausfordert. Eines, das unser inneres Gleichgewicht nicht ins Wanken bringt. Ein Kind, das sich so verhält, dass wir uns sicher, kontrolliert und entspannt fühlen können.
«Brav» ist meist gleichbedeutend mit:
Ruhig sein
Regeln einhalten
Funktionieren
Sich anpassen
Erwartungen erfüllen
Keine großen Gefühle zeigen und emotional unauffällig bleiben
Nicht stören
Keine Widerworte geben
Sich selbst beschäftigen
Wenn ein Kind jedoch nur wenn es unter den obigen Bedingungen Anerkennung (oder Weihnachtsgeschenke) erhält, liegt das Problem nicht beim Kind, sondern in unserer eigenen Erwartungshaltung und in unserem Blick auf Kinder. Das Anstreben von Bravsein wird häufig dann eingefordert, wenn Erwachsene nicht mehr in der Lage sind, das normale, kindliche Chaos mit ihrem eigenen Nervensystem zu halten.
Lautstärke, Starke Gefühle, Impulsivität, Unordnung, Nähe-Bedürfnis, Widerspruch.
All das kann inneren Alarm auslösen. Und statt diesen Alarm wahrzunehmen und erst einmal wieder mit sich in Kontakt zu kommen, wird er oft reguliert, indem das Kind reguliert wird:
„Sei leise.“
„Reiß dich zusammen.“
„Stell dich nicht so an.“
„Jetzt ist aber Schluss.“
„So benimmt man sich nicht.“
Wenn Lebendigkeit als Bedrohung empfunden wird
Doch nicht das Kind ist das Problem. Das Problem ist ein erwachsenes Nervensystem, das gelernt hat, Lebendigkeit als Bedrohung zu empfinden.
Es geht in diesem Text nicht darum grenzenlose Erziehung zu propagieren – im Gegenteil Kinder brauchen einen Rahmen an dem sie sich orientieren können. (In einem anderen Blogartikel dazu mal mehr.) Und auch nicht gegen erschöpfte Eltern. Es geht nicht um „Alles erlauben“ oder darum, Überforderung kleinzureden.
Es geht darum, hinter die Überforderung von uns Eltern zu schauen. Zu schauen, woher sie eben auch kommt, ausser vom unglaublich hohen Pensum, das die meisten von uns jeden Tag wuppen. Es geht darum sich die Frage zu stellen, wie wir diese Grenzen setzen und warum - aus welchem Zustand heraus? Können wir Grenzen aus einer inneren Ruhe und Wertehaltung heraus setzen oder aus der Überforderung, weil wir mit dem was eine normale kindliche Entwicklung ist, nicht klarkommen.
Dieser Text soll eine Einladung sein, ehrlich hinzuschauen: auf unsere eigenen Erwartungen, Prägungen und inneren Antreiber. Er soll dazu anregen zu hinterfragen, warum uns bestimmtes Verhalten von Kindern so stark triggert und welche Vorstellungen von „brav“, „funktionierend“ oder „gut erzogen“ wir vielleicht unbewusst mit uns tragen. Nicht, um Schuld zu verteilen, sondern um Verständnis zu schaffen, für uns selbst und für unsere Kinder. Denn oft beginnt Entlastung genau dort: Wenn wir erkennen, dass nicht jedes kindliche Verhalten ein Problem ist, sondern ein legitimer Ausdruck von Bedürfnissen, normaler kindlicher Entwicklung und Beziehung.
Warum kindliches Verhalten so stark triggert
Viele von uns durften als Kinder genau das nicht sein, was Kinder natürlicherweise sind: Laut, wild, emotional, widersprüchlich, bedürftig, impulsiv….
Vielleicht wurden wir gelobt, wenn wir angepasst waren. Vielleicht gab es Nähe, Liebe oder Sicherheit nur dann, wenn wir „brav“ waren. Vielleicht war Chaos gefährlich, Gefühle unerwünscht und Widerstand sanktioniert.
Diese Erfahrungen sitzen nicht im Kopf. Sie sitzen im Körper, in unserem Nervensystem. Und genau deshalb reagieren wir heute oft so stark auf ganz normales kindliches Verhalten. Nicht, weil dieses Verhalten falsch wäre. Sondern weil es etwas in uns berührt, das wir selbst einmal unterdrücken mussten.
Bravsein auf Kosten der Verbindung zu sich selbst
Das erzwungene Streben danach verhindert eine gesunde Entwicklung. Wenn Bravsein zur Erwartung wird, lernen Kinder ungesunde Strategien, um Anerkennung zu bekommen: sich anzupassen, Bedürfnisse zurückzustellen oder Gefühle zu unterdrücken. Diese Muster begleiten viele von uns bis ins Erwachsenenalter. Oft müssen wir sie uns später mühsam wieder abarbeiten, um wieder Zugang zu unseren eigenen Grenzen, Bedürfnissen und Gefühlen zu finden.
Was viele unter „brav“ verstehen, ist in Wahrheit somit oft Anpassung auf Kosten des Selbst. Oder noch klarer: Selbstverleugnung:
Sich alleine beschäftigen, obwohl Nähe gebraucht wird
Nicht weinen, obwohl es weh tut
Ruhig sein, obwohl es innerlich tobt
Ordentlich sein, obwohl das Spiel im Chaos lebendig ist und gerade hier Entwicklung passiert.
Alleine einschlafen, obwohl Sicherheit fehlt
Aufessen, obwohl der Körper satt ist
Keine Widerworte geben, obwohl eine Grenze da ist
Gefühle unterdrücken, obwohl sie überwältigend sind
Kinder sind keine Erwachsenen in klein. Sie müssen nicht logisch sein, nicht konstant, nicht selbstreguliert. Sie dürfen sprunghaft sein, Nähe brauchen und zwei Sekunden später Abstand. Chaos erschaffen, ausprobieren und scheitern. Das ist kein Defizit, all das muss erst gelernt werden. Sie sind mitten im Prozess, sich selbst kennenzulernen. Und dafür brauchen sie Raum, nicht Bewertung. Sie brauchen Erwachsene, die ko-regulierend und begleitend zu Seite stehen, anstatt urteilend. Wenn ein Kind nur dann als brav gilt, wenn es ruhig, angepasst und unauffällig ist, dann liegt die Herausforderung nicht beim Kind. Dann lohnt sich eine ehrliche, unbequeme Frage:
Was macht dieses Verhalten gerade mit mir?
Was wird in mir aktiviert?
Was durfte ich selbst nicht sein?
Kinder sind nicht dafür da, Erwartungen zu erfüllen, emotionale Bequemlichkeit zu garantieren und Erwachsene nicht zu triggern. Kinder sind dafür da, Kinder zu sein.
Wie schon geschrieben geht es nicht darum Grenzen abzuschaffen. Es geht darum, erst einmal zu erkennen, wann unser eigenes Nervensystem in einen Alarmzustand geht und in dem Moment für uns selbst zu sorgen und nicht automatisch das Kind dafür verantwortlich zu machen.
Vielleicht wäre es an der Zeit, das Wort „brav“ loszulassen als Erwartung, die wir unseren Kindern überstülpen. Oder es zumindest ehrlich zu hinterfragen.
Denn ein Kind, das laut ist, fühlt, widerspricht, Nähe sucht, Chaos macht und sich zeigt, ist kein schwieriges Kind. Es ist ein lebendiges, normales kleines Wesen im Wachstum und in der Entwicklung.
Und ich denke genau darin liegt die Einladung für uns Eltern, nicht die Kinder kleiner zu machen, sondern den eigenen inneren Raum wieder grösser. Ein bisschen vom eigenen Kindsein nachzuholen, das auch häufig unter dem Prädikat «Brav sein müssen», zu wenig Platz hatte, sich so zu entfalten, wie es normal und gesund gewesen wäre. Damit wir bei unseren Kindern nicht brechen, was eigentlich gehalten und unterstützt werden will.
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